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Nach der Reichsgründung von 1871 vollzog sich in Deutschland aufgrund des nunmehr geeinten Wirtschaftsgebiets ein stetiger wirtschaftlicher Aufschwung, der sich sowohl in einer Erhöhung der Studentenzahlen, als auch in einer besseren finanziellen Ausstattung derselben bemerkbar machte. Diese beiden Faktoren trugen erheblich zu einer Ausweitung des Gastromoniebetriebes an den Universitätsstädten bei, u.a. auch in Göttingen.
In dieser Stadt wurden nach Sonnenuntergang fürchterliche Gelage abgehalten, die für die Nichtstudenten unter den Bewohnern zu einer unerträglichen Ruhestörung führten. Die königlich-preußische Polizeidirektion (seit 1866) faßte deshalb den Beschluß, eine Polizeistunde in der Leinestadt einzuführen, eine Vorschrift die es in den meisten anderen Universitätsstädten schon gab. Die Ausführung dieses Gedankens war nun aber nicht so einfach, wie man sich dieses vorgestellt hatte. Der Tag, an dem die Polizeistunde das erste Mal durchgeführt werden sollte, war der 14. Mai. Am Anfang sah man Scharen von Studenten die Lokale füllen, in welchen sie dann besonders hemmungslos dem Alkohol frönten. Als um Mitternacht Polizisten erschienen und zum Verlassen der Lokale aufforderten, wurden sie zwar mit lautem Hurra begrüßt, aber niemand dachte daran, dem Befehl Folge zu leisten. Hauptkomissar Peters ging nun zu energischen Maßnahmen über und ließ unter dem Einsatz sämtlicher Beamter und Hilfstruppen ein Lokal nach dem anderen räumen.
Es kam zu Schlägereien und Verhaftungen, am nächsten Morgen waren die Gefängnisse voll und die Innenstadt demoliert. Kaum ein Student ging zur Vorlesung, vielmehr wurde schon am Vormittag mit Zechen begonnen. Dieses stärkte den Widerstandsgeist natürlich ganz erheblich. Am späten Abend kam es dann zu regelrechten Saalschlachten mit der Polizei, das Haus des Bürgermeisters Merkel wurde samt Garten in arge Mitleidenschaft gezogen, in der ganzen Stadt brannte keine Straßenlaterne mehr.
Außerdem wurde eine Polizeiwache gestürmt und in Kleinholz verwandelt. Schon während des ganzen Tages hatten Studenten Verstärkung aus Marburg, Jena und sogar aus Berlin bekommen. Diese mit Fernzügen angereisten Akademiker warfen sich nach ihrer Ankunft sofort in das Getümmel. Das Ganze war für die Lieder singenden Randalierer ein großer Spaß. Um so größer war die Enttäuschung, als die Polizisten plötzlich das Schlachtfeld verließen und den Weg in die Kneipen freimachten. Dieser scheinbare Sieg wurde natürlich ausgiebig gefeiert, doch gab es am nächsten Morgen für die verkaterten Intellektuellen ein böses Erwachen. Bürgermeister Merkel hatte sich in seiner Not an das 11. Armeekorps gewandt, das teilweise in Northeim und Einbeck stationiert war. Die Soldaten waren in den frühen Morgenstunden eingetroffen und hatten die strategisch wichtigen Punkte der Stadt besetzt.Doch selbst dieses hielt die Zecher nicht davon ab, schon in den Nachmittagsstunden die Lokale zu bevölkern. Als aber die Sperrstunde nahte, wurde die Sache ernst. Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett trieben bis nach Weende und Bovenden. Achthundert Verhaftungen wurden vorgenommen und eine für den ganzen Tag geplante Protestdemonstration mußte mangels Masse wieder abgesagt werden. Die Studenten wurden nun nachdenklich, sie hatten wenig Interesse, dem Militär Straßenschlachten zu liefern. Zwar wurde beschlossen, standhaft zu bleiben, aber daraus wurde dann nicht mehr viel. Die kommende Nacht verlief relativ ruhig, am nächsten Morgen wurden die Gefängnisse geöffnet und die Rädelsführer zum Verhör bestellt. Die gerichtlich festgelegten Strafen fielen dann ziemlich hart aus. Einige mußten bis zu 1500 Talern Strafe bezahlen, etliche wurden exmatrikuliert. Göttingen durfte nach diesen Ereignissen den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, auch einmal Ausgangspunkt für eine, wenn auch unpolitische und unblutige Revolution gewesen zu sein.

